Wenn der Milieuschutz Mieter*innen schadet
Berlin steht vor einer gewaltigen Herausforderung: Das Wasser wird knapp. Bis 2050 wird für die Hauptstadtregion ein Mehrbedarf von 50 Millionen m³ Wasser prognostiziert. Das ist mehr Wasser, als der Große Müggelsee fasst. Die vorgesehenen Maßnahmen für die Gewinnung kosten sehr viel Geld. Ab 2027 steigen die Wasserpreise.
Die Verwaltungspraxis blockiert aktuell die naheliegendste Lösung: Die bessere Nutzung vorhandener Wasserquellen. Grauwasser-Recycling ist die dezentrale Nutzung von leicht verschmutztem Betriebswasser, wodurch bis zu 30 % Trinkwasser eingespart und die Energie des warmen Wassers zurückgewonnen werden. Das entlastet nicht nur das Wassernetz, sondern auch Mieter*innen.
Doch der Einbau einer Anlage scheitert derzeit an veralteten Milieuschutz-Regularien. Was dafür gedacht ist Mieter*innen vor Verdrängung zu schützen, verhindert den Einbau einer Technologie, die 125.000 unsanierte Mehrfamilienhäuser in Berlin zukunftsfest machen könnte. Als dezentrale Ressourcen-Zentren wären diese Gebäude gewappnet gegen steigende Preise bei Wasser und Wärme.
Das muss sich ändern
Hebel 1: Automatische Genehmigung bei Warmmietneutralität
Für energetische Sanierungen gilt bereits: Maßnahmen über Standard sind genehmigungsfähig, wenn die Miete nicht steigt – egal, ob das durch eingesparte Kosten, Förderungen oder den Verzicht auf die Modernisierungsumlage ist. Diese Logik muss 1:1 auf Grauwasser-Recycling übertragen werden.
Hebel 2: Standardisierung statt Einzelfallprüfung
Berlin braucht ein einheitliches AusführungsvorschriftPrüfschema, das Grauwasser-Recycling als zeitgemäßen Standard definiert. Das heißt: Bei Einhaltung klarer Kostengrenzen und technischer Ausführung gilt der Einbau automatisch als genehmigungsfähig. Das beendet langwierige Einzelfallprüfungen und entlastet Ämter und Bauherren. Grauwasser-Recycling darf nicht länger als unzulässige Aufwertung abgelehnt oder als atypischer Ausnahmefall behandelt werden, wenn es die notwendige Antwort auf ein existenzielles Ressourcenproblem unserer Stadt ist.
Sie können den Wandel gestalten!
Ohne Mietsteigerung keine Verdrängung
Der Milieuschutz soll Mieter*innen vor Verdrängung bewahren. Grauwasser-Recycling hilft dabei, da es die Haushalte langfristig finanziell entlastet. Das zeigen unsere Untersuchungen aus dem Reallabor: Eine Anlage für Grauwasser-Recycling senkt die Betriebskosten bei aktuellen Preisen um rund 140 Euro pro Wohnung im Jahr. Wird nur die reine Anlagentechnik auf die Kaltmiete umgelegt, ist dieser Aufschlag geringer als die erzielte Einsparung. Die Warmmiete sinkt.
2030 würden Mieter*innen
einer im Jahr sparen – trotz 75 m² Wohnung
113 Euro Modernisierungsumlage!
Doch die Nachrüstung doppelter Leitungen im Altbau kann teuer sein. In unserem Reallabor wurde in einem Haus der EWG eine Anlage nachgerüstet. Die Gesamtkosten pro Quadratmeter lagen hier bei 0,21 €. Die prognostizierte Einsparung (bei aktuellen Wasser- und Energiepreisen) lag bei 0,19 € pro Quadratmeter. Die Maßnahme wurde daher zunächst abgelehnt und erst als atypischer Ausnahmefall bewilligt, als die EWG auf eine Umlage der Kosten auf die Mieter*innen verzichtet hat – eine gute Nachricht für die Anwohnenden, die nun eine spürbar geringere Warmmiete haben.
Doch selbst bei einer Modernisierungsumlage hätte der Einbau langfristig zu einer finanziellen Entlastung geführt. Auf die Berliner Wasserbetriebe kommen in den nächsten Jahrzehnten die größten Investitionen ihrer Geschichte zu. Die Wasserpreise werden deutlich steigen. Unsere Modellrechnung am Beispiel der EWG zeigt: Mieter*innen einer 75-m²-Wohnung würden bereits im Jahr 2030 rund 113 Euro jährlich sparen – trotz einer Modernisierungsumlage.
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YUKI BARTELS
PROJEKTKOORDINATION
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Kompetenzzentrum Wasser Berlin
E-Mail: [email protected]
Telefon: 030 53 653 806
Das Wasser in Berlin wird knapp!
Berlins Wasserversorgung steht vor einem Umbruch. Langanhaltende Dürreperioden senken die Grundwasserspiegel, während durch den Kohleausstieg in der Lausitz künftig Millionen Kubikmeter Wasser in der Spree fehlen werden. Da Berlin sein Trinkwasser vor allem aus Uferfiltrat gewinnt, trifft ein niedriger Flusspegel direkt unsere Reserven.
Um die Versorgung zu sichern, wurde mit dem Masterplan Wasser beschlossen, massiv in die Infrastruktur zu investieren: Klärwerke werden aufgerüstet, Berlin wird weiter zur Schwammstadt umgebaut und neue Fernleitungen werden geplant. Dieser Umbau erfordert allein bis 2030 Investitionen von rund 7 Milliarden Euro, gefolgt von einer zweistelligen Milliardensumme in den Jahrzehnten danach.
Das heißt: Wasser wird in Berlin künftig knapper und teurer. Grauwasser-Recycling ist die logische Antwort auf diese Entwicklung: Es macht den zweifachen Gebrauch von Wasser zum neuen Standard und sichert die Versorgung.
Zirkuläre Infrastruktur: Grauwasser-Recycling direkt im Haus
Die Aufbereitung von leicht verschmutztem Wasser erfolgt beim Grauwasser-Recycling dezentral über mechanisch-biologische Filter und UV-Entkeimung. Dabei wird die Restwärme des Abwassers per Wärmetauscher direkt auf das zulaufende Kaltwasser übertragen und so zur Vorwärmung genutzt. Das wiedergewonnene Wasser hat mindestens Badegewässerqualität und kann bedenkenlos für Toilettenspülung, Waschmaschine oder Bewässerung genutzt werden. Gleichzeitig wird die Wärme des Wassers genutzt, statt sie in den kalten Boden zu schicken.
Die Technik erfordert ein zweites Leitungsnetz. Der Einbau kann im Altbau eine Herausforderung sein, im Reallabor haben wir aber vielfältige Lösungen erprobt: Leitungen können über ungenutzte Kamin- oder Wartungsschächte eingezogen oder diskret in die Fassadendämmung integriert werden. Die kompakte, modulare Anlage selbst findet problemlos auf wenigen Quadratmetern Stellfläche im Keller Platz.
Vom Reallabor zum Berliner Standard
Die Technik für Grauwasser-Recycling ist ausgereift. Im Reallabor IWIQ untersuchen wir, wie sie flächendeckend zur neuen Normalität werden kann, um den Druck auf den Berliner Wasserhaushalt nachhaltig zu senken. Wir arbeiten für eine Zukunft, in der dezentrales Wasserrecycling so selbstverständlich ist, dass die Verschwendung von Trinkwasser für Spülung und Bewässerung undenkbar wird.
An vier Standorten erproben wir den Einbau im Bestand und testen Innovationen, welche beispielsweise die Aufbereitung von stärker verschmutztem Grauwasser aus der Küche ermöglichen. Außerdem arbeiten wir in Workshops und Arbeitsgruppen an den nötigen Rahmenbedingungen, im Grauwasser-Recycling zum neuen Standard zu machen: Lösungen für die Verträglichkeit mit dem Milieuschutz, neue Qualitätsstandards und entwickeln Konzepte für Förderprogramme und Ausbildungsanreize. Gemeinsam mit Partner*innen aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft ebnen wir den Weg, um Berlin fit für eine Zukunft mit weniger Wasser zu machen.